Herbst

Herbst

Die bunten Sonnenschirme der Rhybadi sind eingerollt und verstaut, obwohl es noch einmal sommerlich warm ist. Und dennoch ist das Licht milder geworden. Kaum ist man im Schatten, spürt man die Frische des Herbstes und ahnt, dass der erste Frost nicht mehr lange auf sich warten lässt. Herbst – harvest: beides Wörter der gleichen Familie. Es ist Erntezeit. Die Quitten hängen prall an den Bäumen, und die Winzer hoffen auf einen Jahrhundertjahrgang.

Quitten
Quitten

Keine Jahreszeit ist von den Lyrikern mehr besungen worden als der Herbst. Denken wir beispielsweise an Rilkes berühmten “Herbsttag”:

Herr: es ist Zeit. Der Sommer war sehr groß.
Leg deinen Schatten auf die Sonnenuhren,
und auf den Fluren laß die Winde los.

Befiehl den letzten Früchten voll zu sein;
gib ihnen noch zwei südlichere Tage,
dränge sie zur Vollendung hin und jage
die letzte Süße in den schweren Wein.

Wer jetzt kein Haus hat, baut sich keines mehr.
Wer jetzt allein ist, wird es lange bleiben,
wird wachen, lesen, lange Briefe schreiben
und wird in den Alleen hin und her
unruhig wandern, wenn die Blätter treiben.

Betrachten wir das Gedicht etwas genauer:

Erste Strophe

Die erste Strophe thematisiert den Übergang vom Sommer zum Herbst, wobei der Übergang nicht festgestellt, sondern in Form eines Gebets gefordert wird. Der Sommer wird durch das Präteritum als vergangen dargestellt; Schatten und Winde sind die Boten des Herbst, die sich in der Natur zeigen. Es geht um die Zeit und ihr Vergehen.

Zweite Strophe

Was begonnen wurde, soll nun vollendet werden – das ist das Thema dieser Strophe. Damit wird die Ernte (Herbst/harvest) als prägende Tätigkeit des Herbstes angesprochen. Die Form des Gebetes wird in dieser Strophe weitergeführt; der Inhalt der Bitte ist, die Reife der Früchte zum Ende zu bringen. Zum Schluss wird der Wein genannt – vielleicht aus Ausdruck der Lebensfreude, der Berauschung.

Dritte Strophe

In der dritten und letzten Strophe steht nicht mehr die Natur im Mittelpunkt, sondern der Mensch. Das Gebet tritt gänzlich hinter die Reflexion zurück. Zwei Verse beschreiben mögliche Auswirkungen des Herbstes auf den Menschen. Wer es bis zum Ende des Sommers nicht geschafft hat, sich ein Heim zu schaffen und Freunde zu finden, bleibt allein. Das Bild der treibenden Blätter spiegelt den unruhigen, heimatlosen Menschen wider. Ist es nicht so, dass die meisten Freundschaften vor dem Herbst des Lebens geschlossen werden? Für mich heisst das, die Beziehungen und Freundschaften zu pflegen, auch wenn einen der Beruf auslastet. Wer glaubt, in der Pensionierung – wenn man dann endlich mehr Zeit hat – Freundschaften aufzubauen, irrt sich meiner Ansicht nach.

Herbst – Zeit der Pilze

Der Herbst ist für mich auch die Jahreszeit der Pilze, dieser seltsamen Fadenwesen mit ihren vielgestaltigen Fruchtkörpern – kulinarisch hoch begehrt oder wegen ihrer tödlichen Gifte gefürchtet. Der abgebildete Pilz trägt seinen Namen zu Recht: Tintenfischpilz. Von Australien nach Europa gelangte er mit Woll- oder Militärtransporten. Im Jahre 1913 wurde er erstmals in den Vogesen (Mittelgebirge in Ostfrankreich) gefunden.

Tintenfischpilz
Tintenfischpilz (Clathrus archeri)

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