Zeigt Liebe

Zeigt Liebe

Zeigt LiebeAls ich heute Morgen in eine schmale Gasse der Schaffhauser Altstadt einbog, fiel mein Blick auf das Gitter mit den zwei Wörtern «ZEIGT LIEBE». Ich hielt kurz inne. Wer das wohl hingeschrieben hat  – und warum? Wer kommt darauf, einen solch schlichten Aufruf, einen Imperativ ohne Ausrufezeichen, auf das blaue Gitter zu schreiben?

Was ist Liebe?

Nun, was ist Liebe? Im Versuch, die Liebe zu definieren, sind schon viele gescheitert. Es ist ein schwieriges Unterfangen – genau wie mit anderen Abstrakta, zum Beispiel Freiheit oder Glück. Wohl lassen sich Merkmale der Liebe herauskristallisieren, aber eine Definition fällt schwer. Wir alle kennen das Gefühl der Liebe: wenn das Herz rast und fast aus der Brust springt, wenn die Schmetterlingsschwärme im Bauch flattern, wenn der Puls bis in den Hals schlägt. Liebe ist aber nicht nur ein Hochgefühl. Liebe kennt auch den Schmerz. L’amour, ça fait pleurer, hat Edith Piaf gesungen. In diesem Sinne kann man auch sagen, Liebe sei das Risiko einzugehen, verletzt zu werden.

Der Schweizer Philosoph Hans Saner (1934 – 2017) schreibt in seinem Buch «Der Schatten des Orpheus», man komme der Liebe näher, wenn man sie als irreflexiv-reflexive Doppelrelation verstehe. «Indem A B liebt, liebt A zugleich sich selbst.» Auf dieses Doppelverhältnis ist die Goldene Regel gebaut: «Liebe deinen Nächsten wie dich selbst.» Sich selbst zu lieben oder anzunehmen, ist das reflexive Element dieser Formel, den anderen zu lieben, das irreflexive. Anders ausgedrückt: Indem wir uns im anderen vergessen, zu ihm hinströmen, was sich in Verlangen, Leidenschaft und Sehnsucht zeigt, gewinnen wir uns selbst. Liebe muss sich aber nicht nur auf Menschen beziehen. Es gibt auch eine Liebe in der Wahrheit, die Liebe zur Wahrheit und die Wahrheit der Liebe.

Orpheus und Eurydike

Eine der schönsten, aber auch tragischsten Liebesgeschichten erzählt er Orpheus-Mythos: Orpheus, Sohn des Apollon, hatte die Gabe, so schön zu singen und so wunderbar auf seiner Leier zu spielen, dass die Vögel in Scharen über seinem Kopf kreisten, die wilden Tiere zahm wurden und sich zu seinen Füssen legten, die Flüsse still standen, um seinem Gesang und seinem Spiel zu lauschen. Orpheus war mit der Eurydike vermählt. Diese wurde eines Tages von einer Schlange gebissen und starb. Orpheus beschloss, ins Reich des Todes zu gehen, um sie zurückzuholen. Als er vor dem Herrscherpaar der Unterwelt, Hades und Persephone, stand und erneut sang und spielte, konnten diese seinem Wunsch nicht widerstehen und gaben ihm Eurydike zurück. Orpheus durfte sie heimführen – allerdings unter der Bedingung, dass er sich auf dem Weg an Licht niemals nach ihr umdrehen dürfe. Als Orpheus schon fast oben war, glaubte er die Schritte Eurydikes nicht mehr zu hören, und drehte sich nach ihr um. In diesem Moment hörte er einen dreifachen Donner und Eurydike wurde ihm für immer entrissen. In dieser griechischen Sage kommen neben der Liebe zwei weitere starke Kräfte vor: der Tod und die Musik. Das Reich des Todes ist das absoluteste, das Reich der Musik das überwältigendste und das Reich der Liebe das Gefährdetste.

Wie soll sich die Liebe zeigen?

Soll, wer liebt oder verliebt ist, dies offen dem Partner gegenüber zeigen? Oder ist es nicht taktisch klüger, zurückhaltend zu sein, mit den Gefühlen etwas haushälterischer und sicherer umzugehen, sich nicht zu verausgaben? Ist das Mittelmass dem Überschwang vorzuziehen, der gleichzeitig ein Am-Abgrund-Gehen ist? Was bedeuten die Varianten, wie wägt man sie gegeneinander ab? Solche Fragen stellt Birgit Schmid in ihrer NZZ-Kolumne und in ihrem neuen Buch «In jeder Beziehung», erschienen im Verlag rüffer & rub. Oder anders gefragt: dosierter Gefühlseinsatz oder sich öffnen, sich hingeben, sich verletzlich machen? Undine Gruenter (1952 – 2002) schreibt in ihrem Journal «Der Autor als Souffleur»: «Ein Leben ohne Leidenschaft, undenkbar. Ich gehöre nicht zu den modernen Emanzipierten, die, in der Leidenschaft noch, um ihre Individualität fürchten. Die einen sorgfältigen Plan ausarbeiten mit vorschriftsmässigem Verhältnis von Nähe und Distanz. Sich ganz ausliefern.» Ich denke, jeder muss seinen Weg selbst finden.

 

 

 


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