Brüderlichkeit, Gleichheit, Solidarität

Brüderlichkeit, Gleichheit, Solidarität

Am 5. März 2001 hielt Alt-Bundesrat Moritz Leuenberger am Fernsehen eine Ansprache zum Tag der Kranken; sie begann mit einer Strophe aus ferner Vergangenheit – aus dem Kirchenlied von Matthias Claudius «Der Mond ist aufgegangen»:

So legt euch denn, ihr Brüder
in Gottes Namen nieder;
Kalt ist der Abendhauch.
Verschon uns, Gott, mit Strafen
Und lass uns ruhig schlafen
Und unsern kranken Nachbarn auch.

Als Alt-Bundeskanzler Helmut Schmidt in einem seiner letzten Interviews, wie immer zigarettenrauchend, gefragt wurde, welches Gedicht, welcher Gedanke ihn in seinem Leben begleitet habe, rezitierte er nach kurzem Überlegen diese Strophe.

Matthias Claudius schrieb sie in der Zeit der Aufklärung, als sich die Demokratien gegen herrschaftliche Systeme durchzusetzen begannen. Moritz Leuenberger schreibt in seiner Rede, dass Brüderlichkeit, Gleichheit und Solidarität zentrale Werte seien, welche ein Ideal darstellten, wie wir Menschen Verantwortung füreinander übernehmen sollten. Gerade in der heutigen Zeit der Coronakrise wird diese Verantwortung von Mensch zu Mensch wieder täglich und auf vielfältige Weise sichtbar.

Leuenberger selbst war als Jugendlicher wegen einer Knochenmarkentzündung «eine sehr lange Zeit», wie er schreibt, ans Spitalbett gefesselt. Besuche von Geschwistern waren untersagt. Deshalb hätten sich seine Brüder und Schwestern regelmässig auf eine Sitzbank vor das Spital gesetzt und ihm zugewinkt. Dieses Winken sei für ihn genau so wichtig gewesen wie die Medikamente.

Vor zwei Tagen fragte mich meine 85-jährige Mutter, ob ich vor ihr Haus stehen könnte, damit sie mich wieder einmal sehen würde. Ich tat es. Sie erschien am Fenster im zweiten Stock. Wir winkten uns zu, lächelten einander an und liessen es zu, dass sich die Augen mit Tränen füllten.


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