Orchideen

Orchideen

Woran denkst du, wenn du “Orchideen” hörst? An exotische Blumen, die irgendwo im Urwald auf den Bäumen wachsen? Hast du gewusst, dass es auch in der Schweiz Orchideen gibt, nämlich gut 70 Arten, davon allein in Schaffhausen rund 30? Schaffhausen ist nicht nur “Das kleine Paradies”, wie es sich gerne in Werbeslogans bezeichnet, sondern auch ein Orchideen-Paradies. An den einheimischen Orchideen interessieren mich die Lebensweise, die vielfältigen Formen und die Art der Bestäubung – und ich finde sie einfach auch schön. Der Aufbau der Blüten gleicht einem Wunder. Die meiner Ansicht nach beste Adresse zum Thema einheimische Orchideen ist die Website der AGEO.

Ohne Pilz geht nichts

Orchideen produzieren eine Unmenge an kleinsten Samen. Diese Samen enthalten aber kein Nährgewebe, also keinen Vorrat aus Zucker, Mineralsalzen oder Enzymen. Alle zur Keimung benötigten Stoffe müssen sie anders beschaffen. Dies geschieht mit Hilfe von Wurzelpilzen, mikroskopisch kleinen, fadenförmigen Bodenlebewesen. Treffen nun Samen und Pilzfaden zufällig zusammen, kommt es zu einer Infektion, und es entsteht im besten Fall eine Symbiose: Der Wurzelpilz liefert dem Samen die lebenswichtigen Stoffe, damit sich daraus ein Pflänzchen bilden kann. Diese Abhängigkeit dauert beim Frauenschuh, der bekanntesten Orchidee der Schweiz, vier bis fünf Jahre. Ein paar wenige Orchideen sind zeitlebens auf die Nährstoffe des Pilzes angewiesen, weil sie kein Blattgrün (Chlorophyll) bilden. Ein Wunder der Natur, findest du nicht auch?

Der Frauenschuh

Der unten abgebildete Frauenschuh mit dem wissenschaftlichen Namen Cypripedium calceolus ist die imposanteste Orchidee der Schweiz. Cypripedium ist griechischen Ursprungs und bezieht sich auf das Wort “Kypris”, den Beinamen der Aphrodite, der Göttin der Schönheit und Liebe. Die gelbe Lippe ist eine Kesselfalle für Insekten, besonders für Sandbienen der Gattung Andrena. Der Frauenschuh kann sogar älter als 190 Jahre werden.

Der Frauenschuh (Cypripedium calceolus)
Der Frauenschuh (Cypripedium calceolus)

Der Frauenschuh, verewigt in einem Gedicht

Mir ist nur ein Gedicht bekannt, in dem eine einheimische Orchidee – der Frauenschuh – vorkommt, wenn auch nur in einer unbedeutenden «Nebenrolle». Es stammt von Silja Walter (1919 – 2011).

Der Seidelbast

Im Walde wiegt der Seidelbast
sich leise her und hin.
Seitdem du mich vergessen hast,
vergess ich, dass ich bin.

Ich weiss nicht, was mir hängt im Haar,
ob Schleh, ob gelber Schuh.
Ich singe scheu und sonderbar,
und hör mir selber zu.

Seitdem du mich vergessen hast,
träum ich so tief und schwer.
Im Walde wiegt der Seidelbast
Sich leise hin und her.

Silja Walter verbrachte den grössten Teil ihres Lebens als Ordensfrau im Kloster Fahr. Für ihr reiches literarisches Schaffen, das mehr als 60 Werke umfasst, wurde sie mehrfach ausgezeichnet. Unvergesslich bleibt mir die Begegnung und das Gespräch mit ihr im Jahre 2007.

Kleine Deutung

Dass es sich beim «gelben Schuh» um einen Frauenschuh handelt, ist unzweifelhaft. Das hat mir Silja Walter bestätigt, als wir im Kloster Fahr unter anderem über dieses Gedicht sprachen. Das Gedicht drückt eine Melancholie aus, die sich einstellt, nachdem uns ein geliebter Mensch verlassen hat, eine Beziehung auseinandergegangen ist – aus welchen Gründen auch immer: weil sie nicht gelebt werden durfte, weil einer nicht mehr wollte oder konnte?

Im Hin-und-Her-Wiegen des Seidenbasts ist Bewegung – und doch bleibt alles am Ort. Die Wiederholungen unterstreichen, dass sich nichts verändert. Man nimmt wahr, dass etwas im Haar hängt, weiss aber nicht, was es ist. Zu sehr ist man auf sich zurückgeworfen, eingekapselt in die eigene Welt. Fremde Stimmen hört man nicht mehr, nur noch die eigene. Das Gedicht erinnert mich an die Lyrik von Ingeborg Bachmann oder von Alexander Xaver Gwerder («Ich geh unter lauten Schatten»).